Donnerstag, 9. Juli 2009 16:55

Am 17. Juli tritt er auf dem Berner Gurten auf die Bühne: Sido, Rapper aus Deutschland und bekannt als das Grossmaul, der das, was ihm missfällt, “schwul” nennt.
Seit es Rap gibt, wird diskutiert, wo eigentlich die Kunst aufhört und die Beleidigung anfängt, wenn die harten Kerle sich batteln - wie der wortreiche Kampf um den grössten Macker genannt wird. Dabei gehören homosexuelle Zuschreibungen in allen Variationen zu den Songtexten wie das Amen in der Kirche. Und “schwul” kommt dabei in der Hitliste der Beschimpfungen gleich nach der Beleidigung der Mutter.
Schwulenhass im Rap und HipHop ist ein Garant zum Erfolg und zieht sich quer durch die Charts: Eminem “hasst Schwuchteln”. “Es ist ganz normal, Männer lutschen keine Schwänze” rappt Bushido. Und auch wenn 50 Cent mit eingeöltem, nackten Oberkörper auch Männer sprachlos macht, will er mit “Tunten” nichts zu tun haben.
Woher kommt dieser Schwulenhass unter Rappern? Halten wir uns doch an die 1996 erschienene Studie einer Forschungsgruppe der Universität von Georgia, die beweisen will, dass aggressive Homophobie ein Indiz für die eigene unterdrückte Homosexualität ist. So hatten acht von zehn von der Uni “getesteten” aggressiv-homophoben Männer homosexuelle Gefühle.
Und Homophobie funktioniert ebenfalls perfekt als Abwehr gegen die Bedrohung der Männlichkeit: Je mehr hetero der Macker ist, desto mehr wird er akzeptiert. Heterosexualität ist also für Rapper eine Berufsanforderung.
Vor ziemlich genau einem Jahr wendete sich der deutsche Rapper Bushido via YouTube an seine Fans und beschimpfte vor allem seinen “Kollegen” Sido. Mit einem Outing versuchte er den grösstmöglichen Imageschaden bei Sido zu verursachen und erzählte von einem Konzert seines Kontrahenten 2002 in Coburg: “Aber dann, was im Backstage passierte - ganz ehrlich, ohne Scheisse jetzt - seitdem hab ich Ekel vor dir, Sido … Auf einmal sitzt du da auf der Couch. Der Joint qualmt noch im Aschenbecher. Und du hast mit dem Backup-Singer von der Vorgruppe geknutscht. Ist ja nicht schlimm, wenn’s ein Mädchen gewesen wäre”.
Bestens zu Bushidos “Outing” passen die Aussagen des ehemaligen MTV-Mitarbeiter Terrance Dean. Dieser schreibt in seiner Biografie “Hiding in HipHop”, dass es in den USA eine perfekt organisierte homosexuelle Subkultur unter Rappern gebe. Während der Woche spucken sie Hass von den Bühnen und zeigen der Weiblichkeit, wer den Grössten hat, und am Wochenende geht’s zur Sexparty unter Männern. Namen nennt Dean keine, doch Gerüchte, dass einige Rapper das Gegenteil von dem tun, was sie sagen, gibt es schon lange.
Und grad wie im wirklichen Leben erwacht nun auch unter schwulen Rappern das Selbstbewusstsein: Sie kommen aus den USA und nennen sich HomoHopper. Der bekannteste Vertreter ist Deadlee. Er dreht die Bedeutung des Wortes “schwul” ins Positive um. Eigentlich genauso wie Ur-Rapper das einst mit “nigga” gemacht haben, um dessen rassistische Bedeutung ins Absurde zu führen.
Ganz klar, dass es unter anderem wegen der Popularität dieser Musikrichtung heute für junge Schwule schwieriger geworden ist, ein angstfreies Coming-Out zu haben. Denn dieser Hass hat grossen Einfluss auf die Jugendkultur. Soll die Musik dieser “Künstler” nun verboten werden? Eminem wusste bereits Jahren, dass je mehr er angegriffen wird, umso mehr Alben verkauft. Und Sido weiss: “Als Jugendlicher hast du keinen Bock auf positive Vorbilder”. Für uns Schwule ist allerdings klar: Das Wort “schwul” muss weiterhin die Bezeichnung für eine sexuelle Orientierung bleiben und darf nicht zu einem gängigen Schimpfwort verkommen. Den “so” ist es für uns gleichgeschlechtlich liebenden Männer eine schwere Beleidigung.